Von anderen Betroffenen lernen (Teil 2 – Rezension)

Klar, wir können Symptome, Hausmittelchen und was sonst noch relevant bei Histaminintoleranz ist, googeln. Durch die zahlreichen E-Mail-Zuschriften, die ich regelmäßig erhalte und über die ich mich stets freue, weiß ich aber, dass es vielen leichter fällt, direkt von anderen Betroffenen (oder in meinem Fall: deren Nahestehenden) zu lernen. Manchmal möchte man auch einfach nur jemanden haben, der einen nach langer Ärzte-Odyssee ernst nimmt, der sein offenes Ohr leiht, bei dem man sich mal ausweinen kann.

Denn nicht alle Nachrichten, die in mein Postfach wandern, enthalten konkrete Fragen. Manchmal steht nur „Danke“ drin, manchmal geht es schlicht um Erfahrungsaustausch:

Wie war das bei Euch so? Habt Ihr das auch schon erlebt? Wie geht Ihr damit um?

Ich versuche auf alle Anliegen einzugehen. Manchmal kann das jedoch ein paar Tage dauern. Wer schnelle Hilfe sucht, klickt sich daher am besten zu einer der vielen Selbsthilfegruppen im Netz. Hier gibt es viele Leidensgenossen, die gerne mit Rat zur Seite stehen oder ein offenes Ohr haben, wenn man sich mal „ausquatschen“ will.

Wer lieber für sich im Stillen nach einer Lösung sucht, aber getrost auf den Flimmerkasten, der auch gerade auf meinem Schoß sitzt, verzichten kann, fragt nicht Tante Google, sondern greift zum Buch. Aber zu welchem?

Der Buchmarkt bietet zahlreiche Ratgeberbücher mittlerweile auch zu Histaminintoleranz an. Nicht alle davon finde ich empfehlenswert. Vielleicht wäre das mal ein Thema für einen separaten Beitrag? Ratgeber über HIT, die ich empfehlen würde? Im Kommentarfeld ist Raum für Deine Meinung.

Demnächst wird es hoffentlich auch ein Büchlein von mir über HIT und Mastzellaktivierungserkrankungen wie Mastozytose geben. Bis dahin kann ich Euch das Buch von Inge Lutz empfehlen, über das ich mehr durch Zufall gestolpert bin.

 

Histamin-Intoleranz –Ein Leben ohne Netz und doppelten Boden

Inge Lutz hat ein ganz anderes Buch geschrieben, als ich es vorhabe zu veröffentlichen. Sie verzichtet bewusst auf wissenschaftliches „Blabla“ und konzentriert sich stattdessen auf das Wesentliche. Vor allem für HIT-Neulinge bietet sich dieses Buch daher an. Sie erhalten ein Gefühl dafür, was nach der Diagnose auf sie zukommt, ohne gleichzeitig mit Informationen geflutet zu werden. Den einen oder anderen mag die Komplexität von HIT zunächst etwas erschlagen. Da ist es wichtig einen einfühlsamen Zugang zu wählen.

Inge Lutz beschreibt daher im ersten Teil des Buchs wie sie zur Hit „gekommen ist“ und was ihr hilft. Die quasi obligatorische Ärzte-Odyssee von HIT-Betroffenen hat auch sie durchmachen müssen. Sie ist ebenso auf Ärzte mit Unverständnis getroffen wie wir. Und hat solche Mediziner kennen lernen müssen, die sie nicht ernst genommen haben oder als Hypochonder abgetan haben. Daneben hat sie aber auch solche Heilpraktiker und Ärzte kennen gelernt, die bereit waren, sich mit ihren Problemen auseinanderzusetzen – engagierte Ärzte, die es sich zu ihrer Aufgabe gemacht haben, Inge Lutz zu helfen! Am Ende stellt sich heraus, dass sie keine HIT, sondern Mastozytose hat.

Es liegt also kein Mangel der histaminabbauenden Enzyme DAO oder HNMT als Ursache vor, sondern die histaminspeichernden Mastzellen vermehren sich zu stark. Ihre Zahl ist zu groß und so kommt es nicht nur im Magen-Darm-Trakt, sondern sogar eher vorwiegend an anderer Stelle zu Symptomen, die durch zu viel Histamin ausgelöst werden (Herzrasen, Schüttelfrost, etc.), welches die Mastzellen ausschütten. Mastzellstabilisierende Maßnahmen sowie entzündungshemmende Hausmittel und Medikamente helfen neben einer auf histaminarme Kost (möglichst ohne Liberatoren) ausgerichtete Ernährung. Mastozytose-Betroffenen reagieren mehr noch als HIT-Betroffene auf Umwelteinflüsse wie Wiederumschwünge, Duftstoffe und Stress.

Wie auch ich festgestellt habe, kommt auch bei Inge Lutz die Histaminproblematik selten allein.

Ich habe beispielsweise noch ein Abbauproblem von stärkehaltigen Nahrungsmitteln, eine Sorbit-Unverträglichkeit und eben die außergewöhnlich extreme Medikamentenunverträglichkeit. Dazu kommen diverse Allergien und ein Kälteasthma […].

Generell gibt es Bezüge zu weiteren entzündlichen Krankheiten. Dazu zählen beispielsweise auch entzündliche, aber nicht ansteckende Hauterkrankungen wie Neurodermitis, Psoriasis/Schuppenflechte und – Rosacea, was als „Flush“ auch zu den Symptomen der HIT gerechnet wird. Während Rosacea im Buch vorkommt, werden atopische Dermatitis bzw. Neurodermitis und Psoriasis bzw. Schuppenflechte nicht erwähnt. Das macht ja auch nichts. Bei letzteren beiden gehen Forscher von einer genetischen Prädisposition aus. Die Krankheiten werden also häufig vererbt, was ja bei HIT nicht immer der Fall sein muss. Trotzdem klagen viele HIT-Betroffene über sehr trockene Haut, die zuweilen juckt oder sich manchmal wie bei der Schuppenflechte in leicht zu lösende, verdickte Schuppen legt. Wo liegt der mögliche Zusammenhang? Vitamin D. Das immunmodulierende, fettlösliche Vitamin, welches aufgrund seiner Funktionen im Körper als Hormon gehandelt wird, kommt sowohl bei Psoriasis-, als auch bei Neurodermitis-Betroffenen meist in zu geringen Mengen vor. Ein Vitamin-D-Mangel kann häufig auch bei HIT-Betroffenen festgestellt werden. Daher gibt es einen eigenen Beitrag zum Thema hier.

Im Verlauf des Buchs wird bei Inge Lutz, bei der die HIT erst mit den Wechseljahren richtig schlimm wurde, noch Osteoporose festgestellt. Auch hier spielt Vitamin D neben Calcium und Phosphor eine wichtige Rolle.

Im zweiten Teil geht es um Definitionsfragen der Krankheit. Wir lesen, ähnlich wie auf meiner Überblicksseite, dass HIT eine Pseudoallergie ist, weil die Symptome denen einer allergischen Reaktion ähneln. „Pseudo“ leitet sich aus dem Griechischem ab und bedeutet so viel wie „lügen“, „täuschen“. Histamin erhöht die Gefäßdurchlässigkeit und beeinflusst die Muskelanspannung. In den Bronchien kann das zu den typischen Symptomen einer allergischen Reaktion Niesen, Husten und Atemnot beitragen. In der Haut werden Quaddeln sichtbar, usw. Die Symptome reichen schlimmstenfalls bis hin zum anaphylaktischen Schock mit Kreislaufkollaps. Die HIT gibt also vor, eine Allergie zu sein, ist aber keine. Ganz schön fies.

Im dritten und vierten Teil bekommen Betroffene praktische Tipps an die Hand. Einzelne Lebensmittel werden genauer unter die Lupe genommen und es werden Hinweise gegeben, was gegen zu viel Histamin helfen kann. Zum Beispiel:

  • Vitamin C ( etwa in Form von Acerola-Pulver)
  • Vitamin D

Besonders gelungen finde ich den vierten und letzten Teil, eine Art Glossar mit dem Titel „Kleines ABC zur Orientierung“.

Fazit

Alles in allem finde ich das Buch als Einstieg in die Krankheit sehr gelungen. Klar, man könnte noch so viel mehr über diese komplexe Krankheit schreiben und noch mehr Bezüge zu anderen Krankheiten schlagen. Ziel des Buchs ist es aber vor allem, Betroffenen einen informativen Seelenschmeichler an die Hand zu geben, der sagen will: Durchhalten! Du schaffst das! Am Ende muss sowieso jeder seinen eigenen Weg mit HIT finden. Betroffene reagieren ja auch auf viele Stoffe sehr individuell. Ein Ausrutscher beim Essen (oder mit Kosmetika oder Medikamenten) kann schnell böse Konsequenzen haben. So kam es übrigens zum Untertitel „Ein Leben ohne Netz und doppelten Boden“. Auf dem ungesicherten Hochseil lebt man ähnlich gefährlich wie mit HIT/Mastozytose, so fühlte sich Inge Lutz zumindest oft.

Ein zweites Anliegen der Autorin, das auch mir am Herzen liegt, ist, dass die Krankheit/en in Zukunft noch besser erforscht wird/werden, so dass Betroffene leichter Hilfe finden und von Ärzten besser verstanden und ernst genommen werden.

Wer jedoch tiefergehende Informationen und viele neue Rezepte sucht (nur eine kleine Auswahl von sieben Rezepten ist im Buch vorhanden), wird mit dem Buch kaum Freude haben.

Zusammenfassung:

Ich bedanke mich beim Neufeld-Verlag für das gratis zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar. Die gemachten Angaben sind weder vom Verlag, noch von der Autorin oder anderen beeinflusst worden und entsprechen meinen eigenen Ansichten.

(c) Histamin-Pirat

 

Buchprojekt – offizieller Startschuss!

Ich habe bereits angekündigt, dass ich an einem Ratgeberbuch über Histaminintoleranz und Mastzellaktivierungskrankheiten sitze.

book-1276775_1920

Dafür sammle ich nicht nur Eure Patientengeschichten, sondern auf Startnext auch die finanziellen Mittel, um das Projekt umsetzen zu können. Leider sind nicht alle wissenschaftlichen Artikel frei zugänglich, außerdem verlangt so ein Projekt Werbemittel und einiges mehr.
Projekt unterstützen

Mit Eurer Unterstützung helft Ihr nicht nur, das Projekt möglich zu machen, sondern erhaltet natürlich auch ein kleines Dankeschön.

Derzeit stehen zur Auswahl:

  • handsigniertes Exemplar des fertigen Buchs
  • Danksagung im Buch (limitiert)
  • selbst gemachtes Histamin-Piraten-Shirt (limitiert)
  • Buttons-/Anstecker-Set vom Histamin-Piraten (limitiert)

Geplant ist außerdem ein Meet-and-Greet, wie es so schön auf Englisch heißt. Sprich, zur Buchpräsentation (voraussichtlich in Wien) könnt Ihr vorab ein Tässchen Kaffee, Tee oder Kakao, je nach dem, was Euch schmeckt und was Ihr vertragt, mit mir trinken und mir Löcher in den Bauch fragen, sowie Euer persönliches Exemplar vor Ort abstauben.

Sollte das Finanzierungsziel nicht erreicht werden, gehen die Gelder zurück an die UnterstützerInnen und ich muss mir überlegen, wie ich das Buch trotzdem irgendwie hinkriege. Aber vielleicht schaffen wir es ja!

Daher lautet meine Aufforderung: Teilen, unterstützen & weitersagen!

Herzlichen Dank!

Viele Grüße,

der Histamin-Pirat

Projekt unterstützen

Buchprojekt – Ratgeber Histaminintoleranz

Auf Facebook habe ich es bereits verraten: Mein erstes Buch über Histaminintoleranz (und Mastzellaktivierungserkrankungen) ist in Arbeit. Persönlich habe ich mir Silvester 2016 als Deadline für die erste Fassung gesetzt. Damit ich die auch einhalten kann, müsst Ihr mir ordentlich „Feuer unterm Popo“ machen. Außerdem könnt Ihr das Ganze mit Euren Hinweisen unterstützen.

  • Welche Fragen brennen Euch unter den Nägeln und was muss unbedingt ins Buch?
  • Was erwartet Ihr von (m)einem Ratgeber über HIT und MCAD?
  • Was interessiert Euch gar nicht?

Ideen, Wünsche, Feedback, Vorschläge – all das könnt Ihr mir gerne per E-Mail (histaminarm(at)vollbio.de) zukommen lassen oder unten im Kommentarfeld eintragen.

Vielen Dank!

Außerdem startet demnächst eine Crowdfunding-Aktion zum Buch. Wer möchte, kann sich gerne daran beteiligen. Danke.

Projekt unterstützen

Als Vorgeschmack gibt es hier ein Mini-Video (leider ohne Ton) über das Projekt:

Im nächsten Jahr irgendwann sollte das Buch dann erhältlich sein, wenn ich mich weiter gut ranhalte. Aktueller Stand: 29 Seiten.

(c) Histamin-Pirat

Glutenfreie Info-Wochen (Teil 4) – Buchrezension…

Glutenfreie Info-Wochen (Teil 4)

Dieser Beitrag ist Teil meiner Serie „Glutenfreie Info-Wochen“.

glutenfrei1

Teil 4: Rezension „Wie der Weizen uns vergiftet

buch

Im Rahmen meiner glutenfreien Wochen, möchte ich Euch ein Buch vorstellen. Julien Venesson ist Ernährungs-, Fitness- und Gesundheitsberater und der Sohn einer Apothekerin, die mit Reizdarm-Syndrom diagnostiziert wurde.

Venesson schreibt also das Buch aus der gleichen Perspektive wie ich diesen Blog, wenn man so will. Ohne den Mann an meiner Seite, der an Histaminintoleranz leidet, hätte ich mich mit dem Thema HIT wohl erst gar nicht auseinandergesetzt. Genauso hat die Mutter von Venesson ihn wohl auf das Thema Ernährung gebracht, vor allem, um ihr zu helfen. Die Geschichte über seine Mutter und ihr Leiden bildet aber lediglich den Rahmen des Buchs, welches weit über die Beschreibung dieses persönlichen Leidens hinausgeht.

Um ehrlich zu sein, hätte ich ein Buch mit einem derart polemischen Titel wie „Wie der Weizen uns vergiftet“ wohl nicht gekauft, wenn ich es so in einer Buchhandlung gesehen hätte, vor allem, weil Weizen ohnehin schon länger nicht mehr Teil unserer Ernährung hier ist. Wozu also ein Buch, das auf die Gefahren von Weizen noch genauer hinweist? Und vor allem, was hat das denn mit HIT zu tun?

Das Buch ist weit mehr als eine polemische Absage an den Weizen oder lediglich ein „Ratgeber für Glutensensitive“. Venesson hat auf 172 Seiten fundiertes, aktuelles Wissen generell zum Thema Getreide und Ernährung versammelt. Das Buch, das 2014 im Riva-Verlag erschienen ist, lässt sich flott und einfach lesen (ich hatte es nach einem Tag bereits durch) und ist dennoch recht wissenschaftlich – ganz anders also als der Titel vermuten lässt.

Venesson schreibt in der Einleitung selbst

Wenn Sie auf dem Umschlag dieses Buches lesen „Wie der Weizen uns vergiftet“, denken Sie möglicherweise: „Schon wieder so ein Sensationstitel, Unsinn oder Quacksalberei“. Das hätte ich ebenfalls gedacht.

Das Buch fügt sich nahtlos in meinen bisherigen Wissensstand ein und konnte mir darüber hinaus noch ein paar Sachen lehren.

Venesson, der sich auch mit Paläo-Ernährung, der sogenannten „Steinzeit-Diät“, befasst hat, plädiert in seinem Buch für den Verzicht auf glutenhaltige Nahrung. Das Buch ist aber eigentlich kein „Paläo-Buch“. Er berührt daneben verschiedene andere wichtige Themen der Ernährung: Die generellen Funktionsmechanismen der Verdauung werden erklärt, er plädiert weiter für den Verzicht auf Kuhmilch, einige Themen wie Glykation und der glykämische Index, das Hormon Zonulin und welche besondere Rolle die Tight Junctions bei der Verdauung spielen, werden genauer beleuchtet.

Venesson geht auf diverse Krankheiten ein, die im Zusammenhang mit glutenhaltiger Ernährung stehen, so z.B. auf Zöliakie, Glutensensitivität, Reizdarm-Syndrom, Morbus Crohn und Colitis ulcerosa, Rheumatoide Arthritis und Arthrose und auch Schizophrenie, Epilepsie und Autismus. Für seine Behauptungen führt er jeweils verlässliche, wissenschaftliche Quellen an, die im Anhang des Buches genau verzeichnet sind. Der interessierte Leser bzw. die interessierte Leserin kann also genau nachvollziehen, wie Venesson zu der einen oder anderen Aussage kommt. Histaminintoleranz fehlt in der langen Liste der Krankheiten, die Venesson in Zusammenhang mit Gluten bringt. Warum das Buch gerade für Menschen mit HIT dennoch interessant ist, dazu komme ich noch.

Zwischendrin wird es bei den Krankheitszusammenhängen manchmal etwas polemisch, so scheint es zumindest:

Falls Sie das Glück haben, weder an Spondylitis ankylosans noch an rheumatoider Arthritis zu leiden, besteht dagegen die Aussicht, dass Sie eines Tages Arthrose bekommen, die weltweit häufigste Gelenkerkrankung.

Der Autor möchte aber seine LeserInnen nicht zu Hypochondern erziehen, im Gegenteil, darauf aufmerksam, wie vielschichtig die Auswirkungen von Gluten, insbesondere von Weizen, auf unsere Gesundheit sind. Was also etwas polemisch daherkommen mag, ist letztlich als guter Rat zu verstehen sich vor eventuellen Krankheiten zu schützen, wenn man etwas weiterliest.

Weizen und generell Getreide ist lange wesentlicher Bestandteil unserer Ernährung gewesen, warum verursacht er bzw. es dann so viele gesundheitliche Probleme?

Hierzu räumt Venesson zunächst einmal mit dem ersten Vorurteil auf – Getreide ist, wenn man sich die Menschheitsgeschichte im Gesamten anschaut, wirklich noch nicht lange Teil der menschlichen Ernährung:

tabelle

Er schreibt hierzu weiter:

Laut Spezialisten wie Professor Staffan Lindeberg von der Universität Lund in Schweden bestand die Nahrung des Menschen der Altsteinzeit aus süßen Früchten, Beeren, Sprossen, Knospen, Blüten und jungen Blättern, Fleisch, Knochenmark, tierischen Innereien, Fischen und Krustentieren, Insekten, Larven, Eiern, Wurzeln, Pflanzenzwiebeln, Ölsaaten und Saatkörnern (außer Getreide).

Für VeganerInnen bzw. VegetarierInnen ist das Buch nur begrenzt zu gebrauchen. Die Informationen sind natürlich korrekt, wer sich jedoch für ein Leben ohne Fleisch entschieden hat, für den birgt eine solche strikte Steinzeit-Diät womöglich Probleme. Wir leben hier mittlerweile auch vegetarisch und dennoch finde ich das Buch sehr interessant.

Venesson schreibt zum Problem heutiger Diät-Gestaltung Folgendes:

„Man kann keinen Weizen mehr essen, weil er schädliches Gluten enthält, man kann keine Milchprodukte mehr essen, weil sie angeblich das Krebsrisiko erhöhen, man kann keinen Fisch mehr essen, weil er mit Schwermetallen belastet ist, man kann kein Fleisch mehr essen, weil es das Krebsrisiko erhöht, man kann keine Konservendosen mehr kaufen, weil sie mit giftigem Bisphenol A beschichtet sind [Anmerkung: so wie jeder Kassenbon auch!], man kann eigentlich gar nichts mehr essen!“

Dies oder Ähnliches höre ich allenthalben. Wir leben tatsächlich in einer belasteten Umwelt voller künstlicher Nahrungsmittel, chemischer Stoffe und toxischer Medikamente. Doch muss man deshalb die Hände in den Schoß legen? Muss man fatalistisch sein? Muss man das Risiko hinnehmen, aufgrund gefährlicher Stoffe ein autistisches Kind zu haben? Zwar kann man nicht alles unter Kontrolle bringen oder alle Risiken ausschließen, aber ist das vielleicht der Grund, alles Mögliche zu essen und gegebenenfalls, ohne hinzusehen, Medikamente zu schlucken? Wenn schon einfache Veränderungen in der Lebensweise die Krankheitsrisiken verringern und die Lebensqualität verbessern können, sollte man dann nicht eine kleine Veränderung in Kauf nehmen?

Es ist im Endeffekt jedem und jeder selbst überlassen, wieviel von Venessons Ernährungstips man befolgen möchte. Kern seiner Theorie bleibt nach wie vor das Getreide und Gluten und viel frisches Obst und Gemüse. Venesson plädiert für Oliven- und Rapsöl, Macadamia-, Lein-, Haselnuss- und seltener Walnussöl. Nicht alles davon geht bei HIT und auch die meisten Rapsölsorten, die man zu kaufen bekommt, sind eher minderwertig. Hier gehe ich also mit dem Autoren nicht ganz einher. Zu meiden sind meiner Meinung nach Mais-, Sonnenblumen- (soweit gehe ich mit!) und Traubenkern- und Distelöl (hier gehen unsere Meinungen auseinander). Öle wie Hanfsamen-, Kokosnuss- oder Schwarzkümmelöl, die ich gerne nutze, kommen gar nicht vor. Das Buch enthält Tips, keine konkreten Rezepte und als Tips bzw. Vorschläge sollte man diese auch behandeln.

Zu dieser Problematik „Veggie vs. Paläo“ habe ich mich hier schon einmal geäußert. Es gibt bei beiden Schnittmengen. So sehr ich ohnehin gegen das strikte befolgen von Trends bin, lebe ich eine Art Mischform beider: Ich esse zwar kein Fleisch, aber manchmal Fisch (obwohl ich um die Probleme wie Überfischung und die Schwermetall-, Plastik – und radioaktive Belastung der Meere weiß). Dieser sollte nicht aus Aquakultur stammen, weil er dann zusätzlich meist mit Antibiotika oder anderen Medikamenten belastet ist. Fisch ist ein Kompromiss, den ich eingehe, um B12 nicht supplementieren zu müssen. Gegen (Massen-)Tierhaltung bin ich aber, daher keine Aquakulturen oder Fleisch. Ich esse Hülsenfrüchte (manchmal auch mein Freund – ich bin gegen eine strikt histaminarme Diät, deshalb gibt es manchmal auch (rohen) Kakao, Pilze und mehr). Ansonsten gibt es viel Frisches und ich mache viel selbst, wir essen kein Weizen und mittlerweile öfter vegan und glutenfrei. Wenn Eier verwendet werden, dann nur Bio-Freilandeier von Hühnern, die möglichst ohne Soja gefüttert wurden (mehr dazu hier).

Was mir besonders an dem Buch gefällt, ist Venessons kritische Haltung gegenüber Big Pharma und der damit verbundenen Forschung. Sein Appell geht an den mündigen Leser bzw. die mündige Leserin:

In der Forschung zur Schädlichkeit von Gluten gibt es hingegen kaum bis gar keine finanziellen Interessen, daher müssten die hier vorgestellten Daten schon aufgrund ihrer großen Seriosität zur Kenntnis genommen werden! Ganz ähnlich sieht es im Bereich der Ernährungsforschung und der Pflanzenheilkunde aus. Nehmen wir den Knoblauch als Beispiel: Von jeher wurden ihm diverse günstige Eigenschaften zugeschrieben, und zwar definitionsgemäß, ohne irgendeinen wissenschaftlichen Beweis. Heute gibt es zahlreiche Forschungen zum Knoblauch, die alle seine prositive Wirkung auf den Blutdruck, auf Herz und Kreislauf oder die Immunabwehr [jeweils mit Quellenangaben versehen] bestätigt haben. Falls Sie also morgen feststellen, dass Wasser nass macht, warten Sie keine wissenschaftlichen Beweise ab, bevor Sie zu einem Regenschirm greifen.

Im Interview mit einem französischen Fachgutachter bei der für Lebensmittelsicherheit, Umweltschutz und Arbeitsschutz zuständigen Behörde Anses [Frankreich] kommt zudem heraus, dass zwar GVOs bzw. GMOs getestet werden müssen, sogenannte „Hybride“ – neue Kreuzungen bei Pflanzen, die gezielt vollzogen wurden, aber nicht. Dabei bergen beide potentiell Gefahren für den Menschen. Unser hochgezüchteter Weizen heutzutage, ist ein solcher Hybrid, welcher mehr Gluten und auch mehr ATI enthält. ATI (Amylase-Trypsin-Inhibitoren), das sind Abwehrstoffe des Weizens, aber auch von anderen Getreidesorten, wodurch das Korn vor Schädlingen geschützt wird. Hier gibt es etwas mehr über ATI. Amylase, das ist ein Enzym, das z.B. auch gebraucht wird, um Kohlenhydrate zu verdauen. Neben den Abwehrstoffen im Weizen, die auch die Amylase hemmen oder blockieren (Inhibitor), gilt Fluorid als Amylase-Inhibitor. Daher ist meine Zahnpasta ohne Fluorid. Einige werden sagen: „Aber ich esse doch meine Zahnpasta nicht, wieso ist Fluorid in der Zahnpasta dann schlecht für die Verdauung?“ Davon abgesehen, dass manchmal doch Zahnpastateile verschluckt werden, sei gesagt, dass wir Stoffe auch über die Schleimhäute im Mund aufnehmen. Ein Effekt tritt hier aber sicher erst mit regelmäßigen Kontakt über einen längeren Zeitraum auf – nur putzen wir täglich 1 bis 3-Mal Zähne, oder?

Venesson kritisiert auch die offiziellen Empfehlungen der deutschen Gesellschaft für Ernährung und die der österreichischen und schweizerischen Institutionen weiterhin viel Getreide, Reis, Nudeln und Vollkornprodukte zu essen.

Insbesondere für mich, mit meinem politikwissenschaftlichen Background, war der Hinweis auf den Zusammenhang zwischen Rockefeller-Stiftung, neuer Weizensorten (mit mehr Gluten & ATI) und der Green Revolution sehr interessant. Für diejenigen, die zu diesem Thema mehr erfahren wollen, empfehle ich die drei-teilige Doku „The Corporation“, wo u.a. auch hinterfragt wird, welche Methoden gegen Hunger wirklich sinnvoll sind bzw. welche eigentlich nur dem Profitgedanken einiger weniger geschuldet sind, auch wenn Venesson diese Kritik nur implizit übt.

Ähnlich implizit fällt seine Kritik am Impfen aus, aber er erwähnt die Möglichkeit von Impfschäden zumindest. Auch das Thema Psychopharmaka und Neuroleptika berührt Venesson in dem Buch. Für meinen Geschmack könnte seine Kritik hier noch deutlicher ausfallen.

Explizit kritisiert Venesson McDonald’s, vor allem, wenn es um, was er „Konditionierung“ nennt, geht.

Wussten Sie, weshalb manche Fast-Food-Restaurants zu den Kindermenüs Spielzeug verschenken? Etwa aus lauter Zuneigung zu den lieben Kleinen? Es gibt zwei Gründe dafür: Erstens kann das Kind spielen, solange es sein Menü isst, und wird dann seine Eltern dazu bringen wollen, wieder in dieses Schnellrestaurant zu gehen. Zweitens wird ein Ort, den wir in der Kindheit wiederholt besucht haben und der mit positiven Erinnerungen aufgeladen ist, uns so konditionieren, dass wir später Lust haben, unsere eigenen Kinder dorthin mitzunehmen. Daher hat die kalifornische Regierung, um die Gesundheit der Kinder zu schützen, im April 2010 der Fast-Food-Kette McDonald’s untersagt, ihre „Happy Meals“ für Kinder mit Spielzeug zu kombinieren.

Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber ich war auch so ein Kind, das früher genau deswegen gerne zu McDonald’s gegangen ist, weil es da die Simbafigur zu König der Löwen gab oder sonstwas, was ich in dem Alter toll fand. Mittlerweile gehe ich nicht mehr zu McDonald’s. Schritt 2 der Konditionierung hat also nicht gewirkt 😉

Das Thema der Durchlässigkeit der Darmschleimhaut wird intensiv im Buch besprochen. Hier spielen viele Faktoren eine Rolle. Wichtig sind z.B. das Hormon Zonulin und die sogenannten Tight Junctions, die die Saumzellen im Darm verbinden und somit die Durchlässigkeit des Darms sehr direkt beeinflussen. Gliadin vom Weizen mogelt sich mitunter durch diese Tight Junctions hindurch und macht so den Darm durchlässig. Ein Problem mit Gliadin haben übrigens auch Gesunde, es wird nicht richtig verdaut und erhöht die Zonulinproduktion, was wiederum den Darm durchlässiger macht. Zonulin reguliert den Wasserhaushalt (bei einer Magen-Darm-Entzündung ist die Wasserresorption im Darm gestört, was zu Durchfall führt). Außerdem reguliert Zonulin den Übergang der äußeren Moleküle und der Leukozyten (weiße Blutzellen) vom Darm ins Blut, sowie den der Bakterien; Zonulin schützt uns so vor einer bakteriellen Besiedlung (es handelt sich um eine angeborene Immunität, im Gegensatz zur erworbenen Immunität). Weizen regt die Zonulinproduktion enorm an.

Mais und Quinoa, obwohl beide glutenfrei sind, gelten laut Venesson nicht ganz als einwandfrei – und das nicht, wie man annehmen könnte (insbesondere bei Mais), wegen GMOs, sondern weil Mais und Quinoa offenbar auch die Tight Junctions beeinflussen, bei Quinoa kann es mitunter zu Kreuzreaktionen kommen bei Menschen, die auf Gluten empfindlich reagieren. Auch Kartoffeln machen anscheinend den Darm durchlässiger. Venesson empfiehlt stattdessen Reis, Buchweizen (geht nicht immer bei HIT, individuell testen), Amaranth (s. Buchweizen), Millet-, Sorghum- oder Foniohirse und Teff (Zwerghirse), ansonsten empfiehlt er Süßkartoffeln, Mainok, Taro, Yamswurzeln und Pastinaken.

Was ich lange vermutet hatte, bestätigt mir Venesson, indem er wieder den Bogen zu seiner Mutter mit Reizdarm-Syndrom macht, welches angeblich ein Stress bedingtes Problem ist. Laut ihm ist Reizdarm-Syndrom eine Fehldiagnose bzw. eine unzureichende Diagnose. Eine milchfreie, glutenfreie Ernährung hat seiner Mutter sehr geholfen. Venesson macht darauf aufmerksam, dass es neben Zöliakie noch diverse andere gluteninduzierte Krankheiten gibt – bis hin zur Glutensensitivität, die nur schwer zu testen ist.

Warum ist dieses Buch also auch für Betroffene von Histaminintoleranz interessant? Ganz einfach, weil Weizen im Besonderen, aber auch Getreide im Allgemeinen unseren Darm schädigt bzw. durchlässiger macht. Wer also trotz streng histaminarmer Diät (wogegen ich ohnehin bin) immer noch Beschwerden hat, findet vielleicht mit einer milchfreien, glutenfreien Diät bei geringem glykämischen Index den „missing link“ und die lang ersehnte Besserung.

Yasmina von The Low Histamine Chef (s. Links), die übrigens auch nichts vom sturen Listen-Befolgen hält, ernährt sich ähnlich, nämlich nicht immer histaminarm, aber sehr nährstoffreich, glutenfrei, milchfrei und sie verwendet Zutaten, die ihren Zuckerspiegel nicht so durcheinander werfen, d.h. mit niedrigem glykämischen Index (kurz: GI).

Zusammenfassung:

  • Informationen rund um das Verdauungssystem allgemein
  • praktische Tips für die Einkaufsliste
  • gut recherchiert und wissenschaftlich belegt
  • Kaufempfehlung: Ja
  • Kosten: 14,99 Euro beim Riva-Verlag

Ich bedanke mich beim Riva-Verlag für das gratis zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar. Die gemachten Aussagen entsprechen meinen eigenen Vorstellungen und sind nicht vom Verlag, dem Autor oder anderen beeinflusst worden.

(c) Histamin-Pirat