Hashimoto und HIT (Buchrezension)…


Hashimoto & HIT – Gibt es einen Zusammenhang?

Ich lese ja diverse Infos – im Internet, in Büchern und in Zeitschriften – zum Thema Histaminintoleranz. Vor längerer Zeit bin ich dann mal auf Hashimoto (Hashimoto Thyreoiditis) aufmerksam geworden. Anscheinend leiden v.a. Frauen, die HIT haben oft auch an Hashimoto oder ist es umgekehrt? Aber es scheint zumindest einen Zusammenhang zwischen der Nahrungsmittelunverträglichkeit und der Autoimmunerkrankung, die die Schilddrüse betrifft, zu geben.

In großer Erwartung habe ich das Buch von Hashimoto Healing: Die ganzheitliche Behandlung der Hashimoto-Thyreoiditis gelesen.

Aber wie das so ist – wenn man große Erwartungen hegt, läuft man Gefahr enttäuscht zu werden. Ich bin jemand, der Bücher mit ca. 200 Seiten (auch Sachbücher) gut an einem Tag verschlingen kann, wenn ich sonst keine Verpflichtungen habe. Sonntag wird daher gerne mal zum kompletten Buchtag, aber durch dieses Buch musste ich mich etwas quälen.

Das lag eigentlich nicht unbedingt am unbeholfenen, manchmal etwas altbacken daherkommenden Schreibstil des Autors, sondern vielmehr daran, wie er diese Autoimmunerkrankung erklären wollte. Berndt Rieger ist promovierter Arzt und in der Alternativmedizin tätig – soweit ist das bei mir eher ein Pluspunkt als ein Grund zur Beanstandung oder für Vorurteile. Was heute „Alternativmedizin“ genannt wird, war früher die Medizin. Schulmedizin, wie wir es heute bezeichnen, ist eigentlich eine recht neue Erscheinung und tritt im Grunde als Alternative zur traditionellen Medizin auf. Gut, Versicherungen beurteilen das mittlerweile eben anders. Schulmedizinische Praktiken sind hier Standard und Alternativmedizin wird hinterfragt. Das holistische Heilen, der Verzicht auf viele bunte Pillen mit allerlei chemischen Cocktails, die kaum jemand versteht, der Einsatz von natürlichen Substanzen, usw. – all das begrüße ich.

Und genau das habe ich auch von diesem Buch erwartet: Tips, welche natürlichen Substanzen helfen (auch auf die Ernährung bezogen), einen holistischen Zugang zum Thema, usw. Berndt Rieger tritt doch am Anfang des Buchs als „Gleichgesinnter“ auf und schreibt auf S. 8:

Und diese Menschen [Betroffene von Hashimoto/Patienten] erzählen mir alle von ihrer Empörung, ihrer Enttäuschung über die „Schulmedizin“, wie man sie gerne nennt. Kassenmedizin ist der bessere Ausdruck. Krankheiten werden heute verwaltet unter ökonomischen Gesichtspunkten, und deshalb ist es auch so, dass man sich um Hashimoto-Kranke nicht kümmert.

Na, schreit dieser Absatz nicht nach Solidarität mit all den enttäuschten Kassenpatienten?! Wie kritisch! Und unsere Zwei-Klassenmedizin ist ein Problem für Arzt wie Patienten. Wer kann es sich noch leisten eine Praxis auf Kassenpatienten ausgerichtet zu betreiben? Ja, Herr Rieger hat auch eine Privatpraxis und das trotz oder wegen der obigen Kritik? Mir ist klar, dass Versicherungen knappsen, wo es nur geht und sie machen es einem Kassenarzt schwer seinen Patienten gerecht zu werden, aber ein Kassenarzt versucht es. Herr Rieger hat eine Privatpraxis, aber regt sich auf über Kassenmedizin, über die Ökonomisierung von Krankheiten, darüber, dass Patienten unter den Tisch fallen. Aber Kassenpatienten (ohne private Zusatzversicherung) fallen auch hier unter den Tisch. Nun gut, das gibt mir also zu denken.

Aber weiter im Text. Rieger verspricht (S. 9 f.):

Dieses Buch soll vor allem jenen Menschen, die an einer Hashimoto-Thyreoditis leiden, dazu dienen, die Arzneien aufzuspüren, die sie brauchen, um von dieser Autoimmunerkrankung der Schilddrüse wieder zu gesunden. Es soll ihnen zeigen, wie man Arzneien richtig anwendet.

und (S. 10):

Diese Form der Entzündung der Schilddrüse ist heilbar!

Und nun liest man in Erwartung auf mehr weiter im Buch, will eine Antwort auf die Frage: Wie heilt man Hashimoto nun ganzheitlich und traditionell medizinisch?

Zu großen Teilen scheint es laut Rieger eine Einstellungssache zu sein – und nein, nicht nur der Medikamenteneinstellung nach, sondern vom Geist her, vom Herzen her – diese Art Einstellung. Und ja, das stimmt ja auch. Wer meditiert und andere Enstpannungstechniken anwendet, weiß, der Geist ist eine kraftvolle Sache. Meditation kann sehr effektiv begleitend zur sonstigen Therapie wirken – das gilt ja auch bei der Histaminintoleranz. Nur, davon kein Wort bei Rieger. Das entspricht nicht seinem Verständnis von ganzheitlich – Geist und Körper in Einklang bringen – das geht anders bei Rieger. Und ich nehme es gleich vorweg – hier wird es psychologisierend, sehr sogar.

Rieger spricht von einem „psychosomatischen Konzept“.

Ich frage mich bei der Analyse eines Krankheitsfalls vorwiegend, was die seelischen Belastungsfaktoren zum Zeitpunkt der Erkrankung und seither waren, und suche danach Heilmittel aus. (S. 18)

Weiter auf S. 19:

Was man bei den Selbstheilungen beobachten kann, ist, dass sie keinesfalls „spontan“ passieren, wie das der Kassenarzt gerne nennt, also eher zufällig, sondern dass sie das Ergebnis eines inneren Reifeprozesses sind, der die Betroffene auch charakterlich gefestigt und als Mensch stärker gemacht hat [Das tun aber viele schwere Krankheiten, sobald man sie einmal überwunden hat – ist meine Meinung]. Die Hashimoto-Krise trat, so wie das diese Menschen schildern, in einem Zustand der Ausweglosigkeit oder völligen Überforderung auf. Vergleichbar einem Burn-out, aber eben nicht durch Überlastung aller Kräfte, sondern durch eine ungelösten seelischen Konflikt, der sehr häufig eine sexuelle Komponente hat.

Ich sagte es bereits – es wird psychologisierend und das Folgende hat mehr mit freudianischen Erklärungsansätzen zu tun als mit psychosomatischen. Genau da liegt mein Hauptkritikpunkt an diesem Buch. Das wirkt doch alles etwas platt:

Ein Beispiel, das in meiner Praxis von verschiedenen Personen schon mehrmals so oder ähnlich geschildert wurde: Eine Frau verlässt ihre große Liebe und findet einen Partner, mit dem sie ihr Lebensglück sucht. Häufig ist das eine Familie mit Kindern. Eigentlich schließen kleine Kinder es ja aus, dass man sich in dieser Phase wieder auf erotische Abenteuer begibt. Plötzlich tritt aber die große Liebe wieder ins Leben und möchte die Beziehung fortführen. Eine starke Ambivalenz ist die Folge. Man will sich dem alten Leben hingeben, und in manchen Fällen beginnt auch eine Affäre. Andererseits ist die Beziehung zu den Kindern stark, selbst wenn sie mitunter durch ihre Ansprüche auch spürbar die Selbstverwirklichung als Frau oder Mensch verhindern und einen auf die Mutterrolle reduzieren wollen. Das sexuelle Begehren und auch die Sehnsucht nach der großen Liebe wird unterdrückt und löst einen Hashimoto-Schub aus. Hinzu treten natürlich auch der Stress der kleinen Kinder, der Umstellung von der Schwangerschaft auf die Stillperiode und tausend andere belastende Dinge des Alltags. Der Kern aber liegt in diesen Fällen im hormonellen Bereich, im Wunsch, die Säfte fließen zu lassen, was eben nicht geht und gehemmt wird durch rationale Abwägungen. (S. 19 f.)

So, hier war auch der erste Moment, wo das Buch wieder zugeklappt wurde und erstmal wieder in der Schublade verschwand. Ich bin kein ausgebildeter TCM-Therapeut, aber so viel mag ich mir anmaßen zu wissen, dass traditionelle chinesische (und auch europäische) Medizin zwar teils platt klingende Konzepte hat, die man keinesfalls wörtlich zu nehmen hat, aber eben als Abstraktionen verstehen sollte. Zum Beispiel gibt es die Fünf-Elemente-Lehre, die eigentlich einem philosophischen Konzept entlehnt wurde. Die Natur ist einem Zustand steten Wandels unterworfen. Die Elemente Wasser, Holz, Feuer, Erde und Metall sind dabei nicht als simplifizierte Atome oder eben Dinge zu verstehen – sie sind also eigentlich keine Elemente – sondern elementare Prozesse, denen unterschiedliche Charakteristiken zugeschrieben werden. Holz zum Beispiel für wachsende Prozesse, Wasser für fließende, usw. Diese Idee wurde in der traditionellen chinesischen Medizin übernommen. So werden Meridiane, Organe und auch Gefühle diesen Elementen zugeordnet. Und so kann ich mir vorstellen, dass man „Säfte fließen lassen“ im übertragenen Sinne schreiben kann als Alternativmediziner, aber Rieger wird hier nur blumig, um den Geschlechtsakt zu umschreiben – Abstraktion ist was anderes. Und dieses Gerede (ja, anders kann ich das wirklich nicht nennen) von den unterschiedlichen Frauenrollen (Mutter, Tochter, Geliebte, Karrierefrau), die im Konflikt miteinander stehen, zieht sich durch das ganze Buch und hat leider mit psychosomatischen Erklärungsansätzen nichts zu  tun. Wieder, klar, redet der TCM-Therapeut über Gefühle, die verschiedenen Elementen zugeordnet werden können, aber seine Lösung ist dann nicht nur platt „Ja, lösen Sie ihre Probleme“, sondern er weiß, jedem Element ist auch ein destruktives Element zugeordnet und dementsprechend kann man krank machende Gefühle mit anderen heilen, sprich, es wird einen konkreten, individuellen Vorschlag geben.

Im dritten Teil von „Körper, Geist und Seele“ kommt das u.a. anhand des Zen-Buchs von Wong Kiew Kit heraus. Das und sein Buch „The Art of Chi Kung“ kann ich nur jedem empfehlen, der sich für alternative Heilungsmethoden, Meditation und/oder Kampfsport interessiert.

Doch zurück zu Riegers Buch. Ich habe es dann wieder in die Hände genommen und bin über die nächste Plattitüde, oder Generalität, oder wie immer man seine trivialen Erklärungsversuche nennen möchte, auf S. 21 gestolpert:

An dieser Stelle gleich die Frage: Warum entstehen Krankheiten? Antwort: Immer und unweigerlich aus Zwangslagen heraus, Ambivalenzen. Man kann sich nicht entscheiden, wohin die Reise gehen soll […].

Ein TCM-Therapeut hätte vielleicht „Extreme“ statt „Zwangslagen“ gesagt – also zu viel Feuer (was Wasserprozesse stört) oder zu viel Erde (was Holzprozesse stört) usf. Es ist nämlich kein Zwischen-den-Stühlen-Sitzen, Unentschlossenheit, Zwiespalt oder dergleichen, was uns krank macht, sondern es sind Ungleichgewichte, das Zu-Viel von irgendwas, eine Störung der Balance – und die hat mehr als zwei Seiten (Ambivalenz), siehe Grafik.

Rieger geht zu späterer Stelle jedoch auf konkrete mögliche Ursachen für eine Hashimoto-Erkrankung ein – allerdings in schulmedizinischer Sprache und Denkweise. Überhaupt fehlt mir der von ihm angekündigte alternativmedizinische Heilungsansatz, der über Schüßler-Salze & Co hinaus gehen sollte.

„Ursachen der Hashimoto-Thyreoiditis“ ab S. 57 ist das Kapitel, was nun interessant wird. Eingangs versucht Rieger mit anscheinend gängigen Mythen um die Erkrankung und ihre Ursachen aufzuräumen. Rieger ist kein Freund von Normwerten bei Laboruntersuchungen. Ich auch nicht. Wir sind alle Individuen und daher kann man sich an solchen Normen zwar orientieren, sollte sie aber auch nicht zu ernst nehmen, v.a. wenn nur ein Wert ausreißt. Wenn jedoch mehrere Werte „off the charts“ sind, so meine Meinung, sollte man dem doch mal auf den Grund gehen. Rieger ist kein Freund von Produkten zur „Entgiftung“ (setzt er auch in Anführungszeichen) oder ausleitenden Verfahren – was er genau meint, wird an dieser Stelle, auf S. 57, noch nicht klar. Er ist

auch kein Freund von Ideen wie jener, dass man vielleicht im Jahr 1986, als der Reaktor von Tschernobyl eine gering erhöhte Strahlenbelastung in ganz Europa bewirkte, etwas an der Schilddrüse abbekommen haben könnte […]. Woher kommt hier meine Skepsis? Weil unser Körper dafür angelegt ist, lebenslang mit radioaktiver Strahlung umzugehen und sie zu ertragen. Die kosmische Strahlung und die Erdstrahlung wirken ständig auf uns ein.

Ganz so einfach ist es aber auch nicht. Das wäre so wie, wenn ich sagen würde, „Sie haben ja eine Leber und können Alkohol abbauen – was soll ihnen dann neben einem täglichen Glas Wein eine weitere tägliche Flasche Bier schon tun?“ Klar, ein Glas Wein und eine Flasche Bier werden den normalen Menschen nicht dahinraffen, zumindest nicht bei Einmalgenuss – anders sieht es aber aus, wenn man das seiner Leber wirklich über Jahrzehnte jeden Tag zumutet. Oder anders: Wenn der Körper bereits mit der natürlichen Strahlung umgehen muss und das auch kann, kann aber dennoch eine signifikante Mehrbelastung zu Problemen führen. Es ist statistisch ja auch so, dass Kinder, die in der Nähe von Kernkraftwerken aufwachsen (und die Krftwerke laufen regulär – ohne Tschernobyl-Super-GAU) vermehrt Leukämie haben als „normale“ Kinder, die andernorts groß werden. Ein konkreter medizinischer Zusammenhang zwischen dem einen und dem anderen wurde aber bis heute nicht herausgearbeitet, was aber nicht heißen muss, dass es ihn nicht gibt – wozu sonst wird denn so eine Statistik überhaupt erstellt bzw. unter diesem Gesichtspunkt veröffentlicht?

Interessant finde ich in diesem Zusammenhang, dass nach so einer Atom-Katastrophe vermehrt Jod an die Bevölkerung zur Einnahme gegeben wird (darüber schreibt Rieger aber nicht). Das „stabile“ Jod, das man mit der Tablette nimmt, soll verhindern, dass die Schilddrüse radioaktives Jod aufnimmt. Diese sogenannte Jodblockade soll vor Schilddrüsenkrebs schützen. Rieger weist darauf hin (S. 61), dass es „fast unmöglich“ ist eine „Jodvergiftung des Körpers zu erreichen“. Eine vermehrte Jodbelastung als Ursache für Hashimoto gilt daher als Mythos. Aber anscheinend wurde der Zusammenhang radioaktives Jod und Hashimoto bisher nicht genauer untersucht.

Auch sehr spannend finde ich den folgenden Absatz (S. 59), den Rieger scharf formuliert, insofern, als dass er Menschen, die es anders als er sehen als „Abergläubige“ und „auf einem medizinischen Holzweg“ Befindliche abtut.

Die Hysterie in Bezug auf das Amalgam ist ein gutes weiteres Beispiel in dieser Richtung. Amalgam ist eine sehr stabile chemische Quecksilberverbindung [eine Legierung, Anm.], die höchstens durch starke Hitzeentwicklung – beispielsweise ein rasch rotierender Bohrer beim Zahnarzt mit Dampfentwicklung – zerstört werden kann. Dann wird sie gefährlich, wenn man nämlich versucht, sie mechanisch aus dem Körper zu entfernen. Davon abgesehen nehmen wir über die Nahrung mehr oder minder große Mengen an Quecksilber zu uns und scheiden es auch wieder aus. Die Vorstellung, dass Amalgamplomben die Ursache einer chronischen Erkrankung sein sollen, ist abwegig und reiht sich in viele andere Vorstellungen eines Vergiftetseins ein, die viele Menschen haben und die aus einer alten abergläubischen Tradition stammen. Früher hat man die Ursache chronischer Krankheiten auf Hexerei geschoben […].

So, hier kommen also die Bekenntnisse eines solchen Abergläubigen. Ich sehe tatsächlich in Amalgamplomben eine große Gesundheitsgefahr. Inwieweit Quecksilber sich spezifisch auf die Schilddrüse auswirkt, kann ich nur mutmaßen, aber dass es z.B. einen Bezug zu Histaminintoleranz gibt – davon bin ich überzeugt. Quecksilber selbst ist hochgiftig, d.h. vor allem die Dämpfe, die es bereits bei Zimmertemperatur abgibt. Aber gerade chronische Belastung ist nicht zu unterschätzen. Ein Beispiel ist die japanische Stadt Minamata. Durch Industriemüll wurden die Gewässer und so auch Fische, etc. mit Quecksilber verunreinigt und die Bevölkerung, die größere Mengen an Quecksilber mit der Nahrung aufnahm, wurde krank.

Beim Zahnamalgam wird das flüssige Metall an ein festes Metall gebunden – Ergebnis ist eine Legierung mit z.B. Zinn, Silber oder dergleichen. Wer schon mal das Pech hatte so eine Plombe zu bekommen, weiß, nach Jahren ist die anfangs glatte Füllung auf einmal rau und verdunkelt. Metall kann nämlich korrodieren und so gelangen Partikel in den Körper, was Rieger sehr harmlos abtut. Genauso harmlos scheint es für Rieger, dass wir Quecksilber (auch wenn legiert) im Mund herumtragen. Die meisten verstehen Zähne als so etwas fast wie ein Stein. Zähne leben aber, sie haben Kanäle, eine Wurzel, Nerven, werden mit Mineralstoffen versorgt usw. Wenn wir in diesen Kreislauf also Quecksilber einsetzen und diesen Fluss unterbrechen oder eigentlich mit Gift mischen, kann das nicht gesund sein. Worauf der Kassenmedizin-kritische Privatarzt Rieger auch nicht hinweist, ist, dass Krankenkassen in der Regel nur Amalgamfüllungen übernehmen – es sei denn, man hat eine private Zusatzversicherung. Dann werden auch die Kosten für andere Füllungsarten übernommen. Wer sich’s leisten kann, lässt sich daher kein Amalgam in den Mund setzen. Ich frage mich auch, was Herr Rieger glaubt, wie Amalgam in den Zahn kommt? Denn es entfernen, ist ja schlimm – so viel gibt er mir ja – aber das Einsetzen? Wenn der Kram noch nicht einmal fest ist – ist das auch harmlos? Also entweder beides ist schlimm oder nicht. Beim Entfernen von Amalgamplomben gibt es auch Mittel den Rachenraum abzudecken und das Amalgam abzusaugen.

Lassen wir die Radioaktivitätsdiskussion und auch die Amalgam-Frage mal so im Raum stehen (zu viel normales Jod gilt tatsächlich nicht als Ursache für Hashimoto) und schauen uns die anderen Ursachen an, die Rieger nennt.

Eisen, Zink und Kupfer bzw. der Mangel dieser Mineralstoffe bzw. Spurenelemente kann anscheinend eine Hashimoto mit bedingen. Gerade bei Zink und Kupfer musste ich kurz aufhorchen, weil diese als DAO-Kofaktoren eine wichtige Rolle bei Histaminintoleranz spielen. Schade, dass Rieger auf Histaminintoleranz in diesem Buch nicht eingeht.

Auch einen Selenmangel und Vitamin-C-Mangel diskutiert Rieger als mögliche Ursache oder als einen die Erkrankung bedingenden Faktor. Er empfiehlt es aber nicht jetzt einfach Nahrungsergänzungspräparate zu futtern – das sehe ich auch so. Man erwartet nun Tips. Was soll man dann essen? Aber Rieger sagt das „richtige“ Essen bei Hashimoto gibt es nicht. Viele seiner Patienten würden sich ohnehin „vorbildlich“ ernähren: „basisch, organisch und reich an Vitalstoffen“. Den Zusammenhang zwischen Ernährung und Krankheit will Rieger so nicht sehen. Er rät auf S. 65:

Essen Sie, was Ihnen schmeckt, und das in ausreichenden Mengen.

Und auf die Frage, warum er nicht konkreter wird, sagt er auf S. 66:

Weil ich nie weiß, was dem Einzelnen wirklich guttut. Was er braucht. Weil man doch eher selbst spürt, was einem guttut, und pauschale Empfehlungen oft in die falsche Richtung gehen. Der Beruf des Ernährungsberaters ist hier sehr schwierig, fast unmöglich.

Empfiehlt Rieger dann eigentlich Hilfsmittel? Wozu sonst haben Sie das Buch gekauft?

Rieger illustriert einfache Schilddrüsenmassagetechniken. Kühle Wickel, zum Beispiel Quarkwickel, empfiehlt er auch. Einen kleinen Ausflug in die Küche wagt Rieger nun, etwas später im Buch doch. So empfiehlt er rohe Sojabohnen, verschiedene Kohlsorten, Erdnüsse und mehr. Natürliches Schilddrüsenextrakt wird auch diskutiert. Im Altertum habe man Schilddrüsen von Tieren, allen voran vom Schaf, gegessen. Mittlerweile wird das Extrakt großteils vom Schwein gewonnen, was Rieger nur bedingt empfiehlt. Dafür hat er aber eine konkrete Bezugsquelle und nennt eine Apotheke in München. Ein ähnliches Produkt ist laut Rieger von einer Apotheke in Frankfurt am Main zu beziehen. Als andere Hilfsmittel nennt er u.a. homöopathische Mittel, Schüßler-Salze und Atemübungen (Pranayama bei Yoga).

Zusammenfassend bleibt zu sagen, dass ich lediglich nur ca. die letzten 80 Seiten des Buchs als hilfreich empfand. Der einleitende Teil wiederholt sich mitunter nicht nur, sondern kommt mir auch viel zu psychologisierend daher.

Ich habe einen Ausflug auf Dr. Riegers Internetseite gemacht und finde die Informationen und die Art, in der sie hier dargestellt werden, besser gelungen als im besprochenen Buch.

Leidet jemand von Euch zusätzlich an Hashimoto neben der Histaminintoleranz? Über Eure Meinungen und/oder Erfahrungen würde ich mich besonders freuen. Unten habt Ihr die Möglichkeit zu kommentieren.

Zusammenfassung:

  • 150 Seiten mit S/W-Fotografien (zu den Massagetechniken)
  • Konkrete Tips zu Medikamenten (v.a. der Alternativmedizin)
  • kaum medizinische Erklärungen für die Erkrankung, eher psychologisierender Zugang
  • kein Bezug zu Histaminintoleranz im Buch gemacht, kaum Tips zur Ernährung
  • 16,99 Euro, erschienen im MVG-Verlag

Ich bedanke mich beim MVG-Verlag für das gratis zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar. Die gemachten Angaben sind weder vom Verlag, noch vom Autor oder anderen beeinflusst worden und entsprechen meinen eigenen Ansichten.

(c) Histamin-Pirat

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4 Gedanken zu “Hashimoto und HIT (Buchrezension)…

  1. Hallo Eva!

    Nachdem ich sowohl Schilddrüsenprobleme als auch FI habe, habe ich mich länger mit den Zusammenhängen SD-NI beschäftigt.

    Da ich vor allem auch in verschiedenen Foren unterwegs war ist mir aufgefallen, dass im SD-Forum ausgesprochen viele Menschen mit Intoleranzen unterwegs sind und im NI-Forum ausgesprochen viele Menschen mit SD-Problemen.

    Für mich ist das kein Zufall. Den Ansatz fand ich bei der Orthomolekular-Medizin. Hier geht man davon aus, dass ein Ungleichgewicht bei den Nährstoffen zur Krankheit führt. Das würde dafür sprechen, dass der Ausgangspunkt die NI ist und die SD darauf reagiert.

    Umgekehrt ist es so, dass die SD-Fehlfunktion Einfluss auf den Stoffwechsel hat und Nährstoffe nicht mehr so gut aufgenommen werden können. Ein klassischer Fall von Henne und Ei, eines führt zum anderen und beeinflusst sich wechselseitig.

    Insbesondere durch NI wird der Darm auch weiter geschädigt, was die Nährstoffaufnahme aus dem Darm weiter erschwert.

    Fakt ist, dass es sowohl in Hinblick auf Intoleranz als auch auf SD hilft, wenn der Nährstoffhaushalt ausgeglichen wird. Derzeit versuche ich das über eine Darmsanierung mit bewusster Ansiedelung von Darmkeimen zu erreichen.

    Die bisherigen Erfolge sind sehr vielversprechend.

    lg
    Maria

    Gefällt 1 Person

    • Hallo Maria,
      Rieger beschreibt das, was Du beschreibst und was auch ich so sehe, nur knapp im Buch (maximal 1/2 Seite), also dass Naehrstoffimbalancen eine Rolle spielen. Ich habe ja geschrieben, gerade als er auf Zink und Kupfer zu sprechen kam, musste ich kurz „aufhorchen“, denn das sind u.a. DAO-Kofaktoren. Wir brauchen Zink und Kupfer, um Histamin abzubauen und auch die SD braucht es, um arbeiten zu koennen. Was nun zuerst kommt, Intoleranz oder SD-Problem, kann, so denke ich, variieren. Dass wirklich beides auftritt, ist sicher kein Muss, aber einen Zusammenhang scheint es definitiv zu geben. Daher fand ich es schade, dass sich Rieger mit dem ganzen psychologischen „Gedusel“ aufhaelt und Intoleranzen und Ernaehrung generell im Buch gar keine Erwaehnung finden. Dass ich das Buch nicht ganz verteufelt habe, liegt nur daran, dass er am Schluss tatsaechlich noch konkrete Tips gibt, aber auch die sind mit Vorsicht zu geniessen, genau wie seine „medizinischen“ Erklaerungen fuer Hashimoto.
      Liebe Gruesse,
      Eva

      Gefällt 1 Person

  2. Hallo,
    vielen Dank für deine ausführliche Buchrezension! Sojabohnen sollte man bei HIT ja eigentlich meiden … was mich interessieren würde: schreibt er etwas zum Thema Gluten?
    Ich leide an Hashimoto und HIT und wie oben beschrieben begann das Hashimoto wie ein Burn-Out. Allerdings habe ich keine Kinder 🙂
    Ich sehe in meinem Umfeld vermehrt Autoimmunkrankheiten auftreten, ich möchte weder Tschernobyl noch Amalgam ausschließen, aber ich persönlich mache ganz stark genmanipulierte Nahrung dafür verantwortlich.

    Gefällt mir

    • Hallo,
      ich glaube die EINE Erklaerung gibt es nicht. Im individuellen Fall hier sehe ich einen Zusammenhang zu diesen alten Fuellungen, wie beschrieben, aber auch andere sogenannte Umwelteinfluesse spielen sicher eine Rolle bzw. koennen eine Rolle spielen, so z.B. Pestizide, genmanipulierte Nahrung (wobei das hier in AT oder D noch kein Problem darstellt), hochgezuechtete Hybride wie etwa der moderne Weizen, Putzmittel, Industriemuell (inklusive verschmutzter Gewaesser, Luft, usw), unbekuemmerter Umgang mit Medikamenten (zu viele Antibiotikaverordnungen z.B.) usw. Ich denke, das kann im individuellen Fall eine Rolle spielen. Nicht im Sinne von wir sind ach so vergiftet, sondern wir veraendern unsere Umwelt und auch uns selbst nachhaltig. Nachweislich nehmen einige der genannten Faktoren Einfluss auf unsere DNA. Es ist also keine eingebildete Vergiftung in dem Sinne. Das Buch habe ich zurecht in die Kritik genommen, da es an vielen Stellen einfach – medizinisch gesehen – Unsinn verbreitet. Dass sexuell-psychologische Faktoren oder eine innere Zerrissenheit eine Autoimmunerkrankung hervorbringen, halte ich schlicht fuer bloedsinnig. Umgekehrt wird wohl eher ein Schuh draus, eine Erkrankung laesst einen schlapp fuehlen, usw. Oder massiver Stress, Schlaflosigkeit, Lichtmangel oder dergleichen – aber das sind ja nicht die „Ambivalenzen“ von denen Rieger im Buch spricht. Er spricht davon, dass es – und hier kommt es – „IMMER“ diese „Zerrissenheit“ oder „Ausweglosigkeit“ (vorzugsweise mit einer sexuellen Komponente) ist, die krank macht und das ist medizinisch nicht haltbar. Dazu weiss man zu viel ueber Genetik und Umweltgifte. Rieger haelt mit dem Thema Ernaehrung in diesem Buch, wie beschrieben, grossteils hinterm Berg. „Essen Sie, was Sie moegen und das ausreichend“. Die paar konkreten Tips sind nicht wirklich „histamintauglich“ (Erdnuesse, rohe Sojabohnen z.B.). Das einzige, was geht, aber auch nicht zu viel, weil es blaeht, sind die antioxidantienreichen Kohlsorten. Histaminintoleranz wird in diesem Buch nicht besprochen. Rieger hat noch andere Buecher zu Hashimoto geschrieben, aber nach diesem verspuere ich wenig Neugierde, was die anderen angeht. Das Thema Gluten wird nicht behandelt.
      Liebe Gruesse,
      Eva

      Gefällt 1 Person

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